Zwischen Himmel und Hölle – Kuren in Corona-Zeiten

Kurpark mit spiegelnder Ladenfassade

Der Kurpark aus dem 19. Jahrhundert war oft fast menschenleer.

Ich war nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, zu Corona-Zeiten zur Kur zu fahren. Dann verschlug es mich in ein bayerisches Staatsbad mit himmlischen Bäckern und malerischem Kurpark. Eigentlich wollte ich nur meine Ruhe haben. Doch schon am zweiten Tag gründete ich die Gruppe „Die Kurtisanen“.

Die Kirche, Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg, 4.7.2021

AUSZUG

“Herzlich willkommen in unserer Gesundheitsfabrik!“, sagt der beleibte Krankengymnast und schnauft hinter seiner Maske. “Sie möchten nicht wissen, welche Krankheiten Ihr Therapeut alles hat!“ Es ist meine erste Behandlung in einer Reha-Klinik in einem bayerischen Staatsbad. Es gibt einen malerischen Kurpark aus dem 19. Jahrhundert mit Wandelhalle und Quelle.

“Was ist der Unterschied zwischen einer Reha und einer Kur?“, fragt der Oberarzt im Vortragssaal die Neuankömmlinge: “Aktivität, Aktivität, Aktivität!“ Ich bin jetzt also eine Rehabilitandin und meine erste Aktivität besteht morgens darin, im Schwesternzimmer zum Fiebermessen zu erscheinen und eine neue Maske entgegenzunehmen. Noch bevor ich die Klinik betreten habe, werde ich zum ersten Mal – und dann im Wochenrhythmus – getestet. Ich habe tägliche Anwendungen wie Wassergymnastik, Nordic Walking oder Krafttraining. Wer es etwas ausgefallener mag, kann auch Kurse im Bogenschießen oder Aqua Dancing belegen. Eine geöffnete Schwimmhalle und eine Muckibude empfinden viele von uns als neues Glück.

Die Kurtisanen

Gleich am ersten Tag lerne ich Judith kennen. Ein Blick, ein kurzes Gespräch auf einer Bank über das Buch, das sie liest – die Chemie stimmt. Beim Abendessen sitzen wir uns an einem Zweiertisch getrennt durch eine Plexiglasscheibe gegenüber. Ich fühle mich ein bisschen wie auf dem Einwohnermeldeamt und muss wegen des Geräuschpegels im Speisesaal auch ihre Lippen lesen können. Judith lebt mit ihrer Familie in einem Dorf bei Köln. Sie ist Erzieherin und hält die Belastung nicht mehr aus, erzählt sie. Ihr Körper sage ihr, dass sie den Beruf wechseln muss. Judith  macht zu Hause nicht nur so leckere Dinge wie Bärlauchpesto selbst, sondern auch Cremes auf der Basis von Bienenwachs. Zu meiner Verblüffung schiebt sie immer den Satz hinterher: „Das macht auch gar nicht viel Arbeit!“

Zu uns stößt bald noch Grete aus dem Münsterland. Wir haben uns als Trio gefunden. Ich gründe die Chat-Gruppe „Die Kurtisanen“. Wir sind eine Atheistin, eine Katholikin und eine Protestantin. Die katholische Kirche im Ort hat ihre Angebote auf die Essenszeiten in der Klinik abgestimmt. Da sonst nichts stattfindet, rücken wir zu den „Orgelträumen – und Worte zum Nachdenken“ als Klinik in Mannschaftsstärke an. Die Bibelstelle „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ aus der Andacht geht mir nach. Die Klinik liegt eingebettet in die Hügel des Frankenwaldes. Täglich mache ich einen langen Spaziergang und merke, wie sich endlich mein Horizont wieder weitet.

Himmlische Kurschatten

Richtig angekommen fühle ich mich als ich mit Grete, der Katholikin, in den Gottesdienst der evangelischen Kirche gehe. Es ist der erste Präsenzgottesdienst nach Monaten – und darum besonders feierlich. Es spielt ein Posaunenchor und auf dem Altar steht opulenter Blumenschmuck mit Rosen und Lilien. Die Lutherkirche ist im Vergleich zu ihrer katholischen Schwester die größere und ältere Kirche. In das beeindruckende Haus passen rund Tausend Gläubige. Rund 50 Menschen sind an diesem Sonntag gekommen.

Das eigentliche Mekka der Rehabilitandinnen ist das Schuhgeschäft. Unermüdlich schleppt die Verkäuferin das Gewünschte zum Eingang, wo die Schuhe anprobiert werden dürfen, ohne den Laden zu betreten. Nicht mal der Bäcker, der seine Windbeutel als „Himmlische Kurschatten“ anpreist, kann da mithalten. Grete bringt es am Ende auf sechs Paar neue Schuhe.

Sie sagt, die brauche sie für unsere Wandertouren zum Beispiel in das sogenannte Höllental, in dem es einen aus Holz geschnitzten Teufel gibt. Judith  trägt bei der 10-Kilometer-Tour wie immer ihren Fitnesstracker am Handgelenk und verkündet abends stolz ihren neuen Rekord: Mehr als 20.000 Schritte! Während Gretes App die zurückgelegte Strecke gleich in Stockwerke umrechnet: 17 Etagen!

Tanzen auf der Straße

Am Ende wird immer wieder Abschied gefeiert. Wir treffen uns nach dem Abendbrot wie die Teenager draußen an der Tischtennisplatte oder vor dem italienischen Eiscafé am Bahnhof. Hier können wir uns ohne Maske begegnen. Auf unseren Handys spielen wir uns unsere Lieblingssongs vor und tanzen auf der Straße.

Ich habe mich in diesem Monat so viel bewegt wie das ganze Jahr vorher nicht. Und ich hatte mehr Zeit für meinen Glauben. Gestärkt trete ich die Heimreise an. Dankbar für die Begegnung mit Menschen wie Judith und Grete. Für unser Lachen und die ernsten Gespräche – wenn auch manchmal nur dies- und jenseits der Plexiglasscheibe. Nach all dem Sport, den Wanderungen und virtuell erstiegenen Stockwerken muss ich jetzt aber erst mal die Füße hochlegen.