Die Planetenfrau

Weihnachtsbrief

Letztes Weihnachten erhielt ich einen Liebesbrief, der nicht für mich bestimmt war, Copyright: Unsplash

Wie ist das, wenn man Weihnachten einen Liebesbrief erhält, der nicht für einen bestimmt ist? Und man ihn öffnet, bevor man die Verwechslung erkennt? Die Geschichte eines Berliner Weihnachtswunders.

Letztes Weihnachten wollte mir meine betagte Tante wieder selbst gebastelte Karten schicken. Mit viel Glitzer, Federn und Perlen. Es ist dann für jeden Anlass etwas dabei: für Weihnachten, Ostern, Geburtstage und Todesfälle. Ich glaube, dass sie sich freut, wenn ich mir das von ihr wünsche.

Gestresster Briefträger

Als der große Umschlag mit ihrer Handschrift bei mir ankam, war ich überrascht, dass er statt der Karten eine Musik-CD enthielt. Erst auf den zweiten Blick stellte ich fest, dass der an mich gerichtete Adressaufkleber auf einem fremden Brief gelandet war. Auf der anderen Seite standen – durchgestrichen – die wahre Empfängerin und der echte Absender. Sie wohnte bei mir in Neukölln um die Ecke in der Planetenstraße. Er lebte in Kreuzberg. Ein gestresster Zusteller hatte wahrscheinlich zum Kuli gegriffen, um für Klarheit zu sorgen.

Große Neugier

Da ich beim Radio arbeite, konnte ich mich nicht beherrschen. Neugierig schob ich die Scheibe in den CD-Player. Es waren professionell arrangierte Lovesongs. Auf Englisch von einem jungen Mann gesungen handelten sie von Begehren, Anziehung und Distanz. In einem Lied hieß es im übertragenen Sinne trotzig: “Baby, wenn Du mich nicht in deinem Leben willst, ist das auch nicht so schlimm. / Denn es gibt so viele andere in einer Stadt wie Berlin.“ Dieser Song wurde mein Ohrwurm. Auf der CD stand eine Widmung: Für die Planetenfrau.

Bei der Nachbarin klingeln

Das Internet gab es preis. Der Absender war ein professioneller Musiker und der Komponist und Sänger dieser Songs. Die CD ein Geschenk an die Empfängerin. Kurz vor Heiligabend klingelte ich an ihrer Tür und erklärte ihr die Verwechslung. Sie nahm den Brief entgegen, entzifferte den Absender und lachte. Sie sah so aus, als wüsste sie plötzlich, was ein Weihnachtswunder ist. Und ich weiß jetzt, dass in meiner Nähe eine Planetenfrau wohnt.

Die Kirche, Evangelische Wochenzeitung für Berlin, Brandenburg, 26.12.2021.