Mein Vater ist in Berlin verstorben. Er war ein wichtiger Wegbegleiter für mich. Unsere letzten zehn gemeinsamen Jahre waren für mich eine Herausforderung.
Auszüge aus meiner Trauerrede
Jürgen war der Erste in seiner Familie, der Abitur machen und studieren konnte. Er schwärmte für Autos, Pferde und den Zirkus. Er mochte Tabellen, Listen und Zahlen. Wahrscheinlich hätte ihm sogar sein Sterbedatum 26.4.26 gefallen.
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Als sich mein Vater Mitte der 50er-Jahre als Student an der Technischen Universität Dresden immatrikulierte, war die Stadt noch immer von den schweren Bombenangriffen von 1945 geprägt, deren Feuerschein bis in das über 100 Kilometer entfernt liegende Gera, seiner Geburtsstadt, zu sehen war. Mit seinen Habseligkeiten in einem Handwagen zog er rund zehn Jahre nach Kriegsende durch die Stadt, deren Straßen von Ruinen und Schutt gesäumt waren. Meine Großeltern schickten Carepakete mit Brennholz und Kuchen. Sie waren sehr stolz auf ihren klugen, studierenden Sohn.
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Jürgen arbeitete später als diplomierter Ingenieur an der neu gegründeten Abgasprüfstelle der DDR auf dem Gelände der heutigen Akademie der Wissenschaften in Berlin-Adlershof. Sein Chef rollte stark das R. Er hatte tschechische Wurzeln, war ein sogenannter Verfolgter des Naziregimes, SED-Genosse und Förderer seines jungen Kollegen. Der trug jetzt weiße Kittel und war der Herr Ingenieur. Das kleine Team hatte den Auftrag, alternative Kraftstoffe für Autos zu entwickeln. Dafür forschten sie zum Beispiel an Antriebsstoffen mit Raps- oder Olivenöl, die eines Tages das Benzin ersetzen sollten. Mein Vater konnte dafür verschiedene Patente anmelden, auch wenn sich diese Verfahren nicht durchsetzen sollten. Er hielt Vorträge auf Tagungen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) in Budapest, Warschau oder Prag. Er durfte nicht ins westliche Ausland reisen, weil er kein SED-Mitglied war.
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Das habe ich an meinem Vater immer geschätzt, dass er sowohl der DDR wie auch der Bundesrepublik gegenüber kritisch war und dafür auch Nachteile in Kauf nahm. Als junger Ingenieur hatte er 1968 mit seiner Unterschrift gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Prag während des Prager Frühlings protestiert, was ihn den Job hätte kosten können. Vor ein paar Jahren ließ er sich nicht gegen Corona impfen, weil ihm die Geschwindigkeit der Entwicklung des Impfstoffs wie der politische Druck zu groß erschienen.
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Nach dem Mauerfall wartete im jugendlichen Alter von Ende Fünfzig noch ein neuer, aufregender Lebensabschnitt auf ihn. Als junger Mann war sich Jürgen nicht sicher gewesen, ob er in die technische oder die journalistische Richtung gehen sollte. Während seiner Arbeit als Ingenieur hatte er für die einzige Autozeitschrift der DDR, die Kraftfahrzeugtechnik (KFT), geschrieben. Nach der Wende hatte sich der Chefredakteur mit einem Journalistenbüro selbstständig und meinen Vater später zu seinem Kompagnon gemacht. Die Autos, die Jürgen vor der Wende auf der Autobahn nur von weitem gesehen hatte, durfte er nun in der Zeitung bewerten. Er testete Fahrzeuge zum Beispiel auf einem vereisten See in Finnland oder übernachtete in einer Präsidentensuite auf Mallorca – der Autolobby sei Dank. Er war ein passionierter Vielflieger geworden, der, während er in seiner geliebten Berliner Zeitung las, nach eigenem Bekunden den Start des Flugzeuges gar nicht mehr mitbekam.
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