Abschied von Tabea

Im Januar 2026 wurde das Haus meiner Kirchgemeinde in Berlin-Neukölln als christliches Gebäude entwidmet. Das Haus aus den 50er-Jahren wird abgerissen. Der Name der Gemeinde bezieht sich auf eine Jüngerin von Jesus. Ich habe ihr einen symbolischen Abschiedsbrief geschrieben.

Liebe Tabea,

deine Osterkerze ist ausgeblasen, das Holzkreuz von der Wand genommen, die Bibel vom Rednerpult und die Tulpenvase vom Altar aus dem Saal getragen. Zum letzten Mal haben wir dem langjährigen Bewohner des Gemeindehauses und engagierten Ehrenamtlichen Günter Linn auf seinem Erinnerungsfoto Tschüss gesagt. Zum letzten Mal durfte ich beim Entwidmungsgottesdienst am 11. Januar 2026 in der Köllnischen Heide die Glocken läuten. Ich habe dabei ein paar Tränen geweint.

Alte Zeichnung des Gemeindehauses "Tabea" mit Glockenturm und Kita (Chronik "Tabea" des ehem. Pfarrers Siegwart Kriebel)
Alte Zeichnung des Gemeindehauses „Tabea“ mit Glockenturm und Kita (Chronik „Tabea“ des ehem. Gemeindepfarrers Siegwart Kriebel)

Würdevoller Abschied

Schöner und würdevoller hätte der Abschied von dir nicht sein können, sagt die langjährige Ehrenamtliche Bärbel Lechner zurecht. Ich habe den Kirchsaal im Gemeindehaus so voll erlebt, wie die Gottesdienste früher immer gewesen sein müssen. Es kamen an diesem Sonntag mit Sonne und Schnee viele Gemeindemitglieder, Nachbar/innen, ehemalige Konfirmand/innen, Pfarrer/innen, die Leiterin des Quartiersmanagements und die Kirchenleitung von Neukölln und Berlin.

Blick in den gut gefüllten Kirchsaal beim Entwidmungsgottesdienst. (Copyright: Cornelia Saxe)
Christliches Wohnzimmer um die Ecke: Blick in den Kirchsaal beim Entwidmungsgottesdienst. (Copyright: Cornelia Saxe)

Die Plätze im Saal reichten nicht aus und die Besucherinnen und Besucher füllten auch die Empore. Dr. Julia Helmke, Generalsuperintendentin der evangelischen Kirche in Berlin, fand in ihrer Predigt die richtigen Worte des Trostes. Dr. Christian Nottmeier, Superintendent in Neukölln, sagte ausdrücklich den Glockenturm für den Neubau des geplanten Diakoniezentrums zu, das an dieser Stelle entstehen soll.

„Du altes Haus hast fast 70 Jahre deinen Dienst getan und der Köllnischen Heide als evangelische Kirche gedient. Dabei warst du nur als Provisorium geplant.“

In ein paar Jahren soll es eine jüngere Ausgabe von dir geben. Nach ökologischen Maßstäben mit viel Holz und zwei Stockwerken soll unter Leitung des Diakoniewerks Simeon ein kirchlich-diakonisches Zentrum mit deinem Namen entstehen. Hier sollen unter anderen die Stadtteilmütter und die Suchthilfeberatung einen neuen Ort finden. Es soll einen Saal für Gottesdienste mit der Orgel und den bunten Glasfenstern geben. Solange werden die Glocken eingelagert und die Orgel wird einer Frischekur in der Brandenburger Werkstatt in Waldsieversdorf unterzogen, aus der sie stammt.

Kirchenmusikdirektorin Anke Meyer beim letzten Gottesdienst in "Tabea" an der Orgel (Copyright: Cornelia Saxe)
Kirchenmusikdirektorin Anke Meyer beim letzten Gottesdienst in „Tabea“ an der Orgel (Copyright: Cornelia Saxe)

Du altes Haus hast fast 70 Jahre deinen Dienst getan und der Köllnischen Heide als evangelische Kirche gedient. Du warst als Provisorium geplant, als du 1957 eröffnet wurdest, und solltest eigentlich auch einen Kirchturm erhalten, der aus Kostengründen eingespart wurde. Gott sei Dank haben wir die feste Zusage für den Glockenturm. Seit zwanzig Jahren gehörst du zusammen mit der Magdalenenkirche in der Karl-Marx-Straße und der Bethlehemskirche am Richardplatz zur fusionierten Kirchengemeinde Rixdorf.

Die wundersame Vermehrung des Kuchens

Das Pfarrteam Magdalena Möbius, Julika und Florian Wilcke hat den letzten Gottesdienst zusammen mit Anke Meyer an der Orgel zu einer besonderen Feier gemacht. Gekommen waren über zweihundert Besucher/innen. So grenzte es nicht nur an ein Wunder, dass sie fast alle zum Ausklang in das Nachbarschaftszentrum „Mittendrin“ passten, sondern dass wie bei der Vermehrung der Brote trotzdem für alle Kaffee und Kuchen reichten.

„Der Abschied von dir kommt zur Unzeit.“

Der Ehrlichkeit halber möchte ich dir auch schreiben, dass der Abschied von dir zur Unzeit kommt. „Unsere Apotheke zu, die Kirche wird dichtgemacht. Schlimme Gegend inzwischen“, schrieb mir ein Nachbar, der hier aufgewachsen und inzwischen Rentner ist. Ich lebe hier seit zehn Jahren und seitdem hat sich die Lebensqualität verschlechtert. Es gibt keinen Blumenladen mehr und die Apotheke an der Sonnenallee hat geschlossen. Dafür gibt es jetzt einen großen arabischen Supermarkt, der am Tag der Eröffnung großen Zulauf erhielt.

Fundstück auf dem Dachboden (Copyright: Cornelia Saxe)
Fundstück auf dem Dachboden (Copyright: Cornelia Saxe)

Ich wohne in einer Genossenschaft am Schulenburgpark und bin gewählte Mietervertreterin. Ich kenne darum einige Sorgen und Nöte der Leute. Es gibt hier auch mal Konflikte mit blutigem Ausgang. Mich besorgt persönlich, dass das Quartiersmanagement Ende 2027 nach 15 Jahren seine Arbeit einstellen muss, die wichtig ist für eine Vernetzung der verschiedenen Nachbarschaften.

„Was für eine Art von Tabea brauchen wir hier jetzt? Eine starke Frau, die bereit ist, die Ärmel hochzukrempeln und die die Hosen anhat.“

Eine Tabea für viele

Was für eine Art von Tabea brauchen wir hier jetzt? Eine starke Frau, die bereit ist, die Ärmel hochzukrempeln und die die Hosen anhat. Eine, die wie ihre Namensgeberin in der Bibel für die Armen da ist. Eine, die neben Deutsch auch Türkisch und Arabisch versteht. Eine die vermitteln kann zwischen der christlichen und der muslimischen Kultur. Eine gute Streitschlichterin. Eine, die dafür sorgt, dass der Park nach einem warmen Wochenende nicht vermüllt zurückgelassen wird. Eine, die das Rattenproblem löst. Eine, mit der man mal einen Kaffee trinken und ein Stück Torte in den türkisch geführten „Kösk“ oder „Kiezbäckerei“ essen und dabei sein Herz ausschütten kann.

Und was wünsche ich mir für deine junge Nachfolgerin? Eine Kirchenleitung, die nicht nur beim Abschiedsgottesdienst die passenden Worte findet, sondern die Gemeinde Rixdorf bei der Gestaltung des neuen Diakoniezentrums einbezieht und transparent über die einzelnen Schritte der Entstehung informiert. Die Räume und Möglichkeiten schafft, dass in der Köllnischen Heide auch in der Bauzeit evangelisches Leben stattfindet. Denn auch wenn es hier rund um die Sonnenallee nie leise ist, so ist es doch still geworden ohne dein Glockenläuten drei Mal am Tag.

Erschienen in: Gemeindebrief Rixdorf – Evangelische Kirchengemeinde in Berlin-Neukölln1.2.2026

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